Bayreuth, den 15.04.2022 - Lukas 23, 32-49

Liebe Gemeinde!

Alle Jahre wieder, auch heute, hören wir an Karfreitag die Geschichte von der Kreuzigung. Viele unter uns haben sie schon oft gehört. Deshalb besteht wie bei allem, was wir gut kennen, oder genauer gesagt, meinen, gut zu kennen, eine Gefahr. Dass diese Geschichte uns gar nicht mehr so berührt. Sie spricht nur noch unseren Verstand an, aber nicht mehr unser Herz. Dabei ist die Geschichte von der Kreuzigung Jesu eine der herzzerreißendsten Geschichten überhaupt.

Mit so einer herzzerreißenden Geschichte möchte ich gleich beginnen. Sie kann uns das Geschehen auf dem Hügel Golgatha verdeutlichen. Sie handelt von der Prinzessin Alice. Das war eine Tochter der berühmten englischen Königin Viktoria von England. Alice heiratete einen deutschen Großherzog. Ihr jüngstes Kind hatte den schönen Namen Marie. Dieses erkrankte an Diphterie. Diese Krankheit war damals im Jahr 1878 nicht heilbar, sondern lebensgefährlich und hoch ansteckend. Deshalb rieten die Ärzte Prinzessin Alice dringend, keinen direkten Kontakt mit ihrem Kind zu haben. Da stand sie nun draußen vor der Tür. Sie sah auf das Bettchen, in dem ihr Kind sich in seiner Krankheit quälte. Und dann hörte sie, wie Marie rief: „Wo ist denn meine Mama? Warum kommt denn meine Mama nicht mehr?“ Das hat Prinzessin Alice nicht ausgehalten. Sie riss die Tür auf, ist auf dieses Bett zugestürzt und hat ihr Kind in den Arm genommen und hat es geküsst. Sie hat sich angesteckt. Beide sind gestorben. Beide im gleichen Grab begraben.

So ist Mutterliebe. Die will sich nicht selbst erhalten. Die fragt nicht: Was nützt es, wenn ich jetzt mit sterbe? Es ist eine Liebe, die ins Elend des Geliebten hineingeht. Und wenn es das Leben kostet.

So hat ja auch Gott gehandelt. Er wurde Mensch in Jesus Christus. Mitten hinein in unser Elend kam er. Aus selbstvergessener Liebe. Auch mitten hinein in unsere Sünde. Sünde ist schlimmer als die schlimmste Krankheit, schlimmer als Diphterie. Jesus steckte sich auch an, an unserer Sünde des Hochmutes, der Besserwisserei, der Hartherzigkeit, der Gottlosigkeit und Gottvergessenheit, der Habsucht und der Gier. Und er starb daran. Ganz bewusst hat er das getan. Ganz bewusst hat er unsere Sünde auf sich genommen, stirbt er unseren Tod. So zeigt Gott uns seine Liebe, eine Liebe, die noch größer ist als Mutterliebe, eine Liebe, die Jesus dahingab, ihn am Kreuz sterben ließ, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.

Um diese Liebe geht es auch in der Geschichte, die wir gerade als Predigttext gehört haben. Um nichts Anderes. Deshalb schildert Lukas hier nicht die Qualen des Gekreuzigten. Es muss ja entsetzlich gewesen sein, was Jesus am Kreuz durchmachte. Eine Kreuzigung ist eine der grausamsten Todesarten, die Menschen sich ausgedacht haben.

Nein, im Mittelpunkt seiner Erzählung von der Kreuzigung stellt Lukas drei Sätze der Liebe. Sätze, die unser Herz erreichen wollen und uns zur Gegenliebe bringen wollen, zur Liebe demgegenüber, der für uns sein Leben geopfert hat.

Der erste Satz der Liebe, den uns Lukas überliefert, war ein Gebet: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Jesus betet hier für die Menschen, die ihn ans Kreuz genagelt haben, für seine Mörder, für alle Gaffer und Spötter unter dem Kreuz, letzten Endes auch für uns, die wir mit dran schuld sind, dass Jesus am Kreuz sterben musste. Auch an unserer Sünde hat Jesus sich angesteckt. Auch unsere Sünde hat ihn umgebracht, damit wir leben können, das ewige Leben bekommen.

Unfassbar solche Worte! Jesus musste körperlich und seelisch sehr geschwächt gewesen sein durch den nächtlichen Gebetskampf in Gethsemane, durch die Auspeitschung und die langen Verhöre durch Kaiphas, Herodes und Pilatus. In diesem Augenblick hätte es niemand Jesus verdenken können, wenn er auch einmal an sich gedacht und für sich gebetet hätte.

Aber er tritt für seine Mörder ein. Er ist völlig selbstlos, sogar in dem Moment, wo man ihn an das Kreuz nagelt.

Dieses Gebet ist das Zeichen einer grenzenlosen Liebe, die niemanden, auch den Verkommensten, ausschließt. Denn verdient hätten es die Menschen unter dem Kreuz nicht, dass er für sie betet. Im Gegenteil: Es waren boshafte, sadistische Kriegsknechte darunter, die ihn die ganze Nacht hindurch gequält hatten und jetzt kreuzigten. Es standen die verschlagenen Pharisäer unter dem Kreuz, die mit unverhohlener Schadenfreude beobachteten, wie ihr größter Feind starb. Außerdem wünschten sie gar nicht seine Fürbitte. Sondern sie verspotteten und verlachten ihn. Keiner von ihnen ahnte, wie nötig sie dieses Gebet Jesu für sich hatten. Vielleicht merkten sie es erst, als es für sie zu spät war, als sie schon in der Hölle waren.

Dieses Kreuzeswort ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Menschheit. Es ist eine Verteidigungsrede und der Anwalt ist Jesus. Er bemüht sich nicht fadenscheinige Gründe für den Angeklagten heranzuziehen. Er plädiert nicht auf „Freispruch wegen erwiesener Unschuld“, auch nicht auf „Freispruch wegen Mangel an Beweisen“, denn die Beweise sind erdrückend. Er verlangt auch nicht, dass mildernde Umstände berücksichtigt werden. Er spricht sich überhaupt nicht für Freispruch aus, sondern für Amnestie, für Begnadigung, für Vergebung.

Als Grund dafür gibt er die Unwissenheit seiner Feinde an. Wie barmherzig, dies als Grund anzuerkennen! Denn sie hätten es ja sehr wohl wissen können, wer er ist! Niemand anders als Jesus hätte wohl etwas entdeckt, das für die Angeklagten sprach. Jeder andere Anwalt hätte wohl mit den Achseln gezuckt und gesagt: „Ein hoffnungsloser Fall, denn es nicht mehr zu verteidigen lohnt.“ Aber Jesus gibt nicht so schnell auf. Auch für die hoffnungslosesten Fälle hat er noch Hoffnung. Jesus gibt niemanden auf, wer er auch sei.

Das kann uns Mut auch für uns machen. Wir haben einen barmherzigen Fürsprecher im Himmel. Wir sollten alles daransetzen, diesen Anwalt für uns zu gewinnen. Denn wir alle haben nichts nötiger als Vergebung. Und hier ist einer, der kann sie beim Vater erwirken. Wir dürfen uns mit jeder Sünde an Jesus wenden, wie schlimm sie auch sein mag. Wenn Jesus sogar für die gebetet hat, die nichts von ihm wissen wollten, wie viel mehr wird er denen gnädig sein, die sich an ihn wenden! Er wird niemand, der zu ihm kommt, hinausstoßen.

Jesus geht jedem Menschen nach. Er bittet jeden, auch uns: „Komm doch zu mir. Gib mir doch alle Schuld deines Lebens und alle deine lasten.“ Er tut dies nicht, weil er uns so sehr braucht, sondern weil er weiß, wie sehr wir ihn brauchen. Ohne ihn sind wir nämlich in alle Ewigkeit verloren.

Einer setzte wirklich alles daran, um Jesus auf seiner Seite zu wissen. Das war einer der beiden Schwerverbrecher, der mit dem Sohn Gottes am Kreuz hing. Er wendet sich in seiner Sterbensnot an Jesus. Sein Verhalten steht ganz im Gegensatz zu seinem Kumpan, der mit ihm gekreuzigt wurde. Dieser sieht nur seine aussichtslose Lage und verspottet Jesus nur: „Wo ist denn deine Macht? Du bist doch der Messias? Dann müsste es dir doch ein Leichtes sein, uns und dir selbst zu helfen!“ Er denkt nur an eine Verlängerung seines irdischen Lebens und an sonst gar nichts.

Doch der andere Schwerverbrecher weiß: Er wird sterben. Und dann muss er vor Gott für sein Leben Rechenschaft ablegen. Der wird ihn fragen: „Was hast du aus deinem Leben gemacht?“ „Schuld auf mich geladen“, müsste er antworten, „so große Schuld, dass ich dafür zurecht hingerichtet worden bin.“

In dieser Lage wendet er sich an Jesus. Er hat die Hoffnung: Wenn einer mir trotz meines verpfuschten Lebens noch Hoffnung geben kann, dann dieser Mann. So bittet er nun den gekreuzigten Jesus: „Denke doch an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Es war die wichtigste Bitte seines Lebens, das nun bald zu Ende gehen sollte. Sie klingt beinahe schüchtern. Direkt um das ewige Leben zu bitten, wagt er nicht. Aber sie klingt vertrauensvoll.

Und diese Bitte erhört Jesus. „Heute“, sagt er zu ihm, „heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ So ist Jesus. Auf die Schmäh- und Lästerreden seiner Feinde unter dem Kreuz antwortet er nichts. Auch als der mitgekreuzigte Verbrecher ihn anklagt, sagt er nichts. Aber wenn jemand um Gnade bittet, so redet er. Er versagt sich keinem, der so zu ihm kommt: mit leeren Händen, mit seiner Schuld und mit der Bitte um Erbarmen.

Jesus ist ungeheuer großzügig. Einem Mörder am Kreuz, der das Leben anderer verwirkt hat, sagt er das ewige Leben zu. Ist das nicht wunderbar? Es kann niemand so tief fallen, als dass nicht noch die unverdiente Liebe Gottes ihn auffangen könnte. Wer mit dem ehrlichen Bekenntnis seiner Schuld zu Jesus kommt, der wird von ihm nicht abgewiesen, wie groß seine Schuld auch sein mag.

Auch wenn er nicht mehr lange zu leben hat, so wie der Verbrecher am Kreuz. Es gibt etliche Berichte darüber, wie Menschen am Ende ihres Lebens doch noch zum Glauben an Jesus gefunden haben. Einen möchte ich hier erzählen. Es ist die Geschichte von Paul Beßler.

Mit 23 Jahren erkrankte der Spitzensportler an Krebs. Er hatte bis dahin mit Gott nichts am Hut und glaubte auch nicht an ihn. Da lernt er bei der Chemotherapie in der Uniklinik Halle an der Saale einen junge Ärztin kennen, Ivonne Hasche. Sie strahlt, wie Paul sich ausdrückte, einen tiefen inneren Frieden aus. Er fragt sie, warum sie angesichts seines schweren Leidens so gelassen sein kann. Da erzählt sie ihm von ihrem Glauben an Jesus. Er lernt von ihr, was beten heißt: Mit Gott reden. Eines Tages fragt sie ihn: „Paul, möchtest du dein Leben nicht Jesus Christus anvertrauen?“ Er gab keine ausweichende Antwort. Sagte nicht: Vielleicht später. Nein, er wusste: Jetzt ist die Zeit, ja zu Jesus zu sagen. So antwortete er berührt von der Frage: „Ja, ich will.“ Ivonne Hasche hatte immer in der Tasche ein bestimmtes Gebet. Das hat sie schon manchmal mit Patienten gebetet. Sie las es Paul vor und er hat es nachgesprochen: „Herr Jesus Christus, ich brauche dich und will mit dir leben. Danke, dass du am Kreuz für meine Sünden gestorben bist. Ich übergebe dir mein Leben und nehme dich als meinen Herrn und Erlöser an. Übernimm die Herrschaft in meinem Leben. Gestalte mich so, wie du mich haben willst. Amen“ Dies war der Moment, in dem Paul den Rettungsring ergriffen hat. Paul ist nach diesem Gebet spürbar erleichtert. Ivonne sagt zu ihm: „Jetzt ist im Himmel ein richtig großes Fest. Jetzt freuen die sich alle und tanzen oben und feiern, und du bist jetzt ein Kind Gottes.“ Da lachte Paul und sagte: „Wow, die feiern jetzt da oben. Da müssen wir eigentlich hier unten auch feiern.“

Wenige Tage später, am 31. Juli 2013 stirbt er zu hause. Eine anwesende Palliativärztin äußert: „Ich habe schon viele Menschen sterben sehen, aber einen so friedvollen Tod habe ich noch nie erlebt.“

Mich faszinieren solche Geschichten wie die von Paul Beßler. Sie zeigen mir: Der Glaube an Jesus trägt sogar in der Stunde, vor der fast alle Menschen Angst haben. Der Stunde des Todes. Er trägt auch in Lebenskrisen. Er trägt, wenn deine Lebenspläne kaputtgehen. Denn Jesus kann dir andere Wege zeigen, die du vorher nicht gesehen hast. Er trägt, wenn du Angst vor der Zukunft hast. Denn Jesus kann dich trösten und dir neuen Mut geben. Dieser Glaube trägt, wenn du Schuld auf dich geladen hast. Denn Jesus kann dir vergeben, wenn du ihn darum bittest. Durch die Zusage der Vergebung kann das Leben immer wieder neu beginnen, als ob du nie gesündigt hättest.

Nun hat Lukas noch einen dritten Satz des sterbenden Jesus überliefert. Auch dieser ist ein Satz der Liebe, nicht zu seinen Mitmenschen, sondern einer Liebe zu seinem himmlischen Vater. 

Jesus stirbt mit den Worten: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Was meint Jesus eigentlich, wenn er das betet?“

Was Jesus da am Kreuz betet, ist ein Satz aus dem 31. Psalm. Fromme Juden beteten diesen Satz jeden Tag vor dem Einschlafen: „In deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Das bedeutet: In der Bewusstlosigkeit des Schlafes gebe ich mein Leben in die Fürsorge Gottes, dass es dort erhalten und von daher neu gegeben wird in neuem Erwachen.

Dieses Gebet des frommen Juden beim Einschlafen nimmt Jesus auf im Sterben. Er vertraut darauf: Wenn ich im Tod die Augen schließe, wache ich in der Ewigkeit Gottes wieder auf.

Diese Geborgenheit brauchen wir auch. Dass wir sprechen können: Vater, in deine Hände gebe ich mein Leben. Ich lasse mich in deine Hände fallen. Auch alles Schwere und Ungelöste in meinem Leben übergebe ich dir. Denn bei dir ist es am besten aufgehoben. Mit diesem Vertrauen lässt es sich gelassener leben. Und mit diesem Vertrauen kann man auch einmal getrost sterben. Mit diesem Satz „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist,“ darf der Tod zur Tür werden. Zur Tür zur Ewigkeit.

Amen