Nikodemuskirche Bayreuth, 05.10.2025 Markus 8,1-9,
Pfr. i.R. Dieter Opitz

1 Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: 2 Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. 3 Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. 4 Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? 5 Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. 6 Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. 7 Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. 8 Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. 9 Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.

Liebe Gemeinde!

Kleine Vorbemerkung: Vielleicht hat sich jemand unter uns über den letzten Satz unseres Predigttextes gewundert. Markus schreibt hier von 4000, die Jesus satt machte. Waren das nicht 5000? Klar: Bekannt ist ja die Geschichte von der Speisung der 5000. Aber es gibt eben noch eine weitere Geschichte von einem Brotwunder. Jesus machte auch einmal 4000, genauer gesagt 4000 Männer satt. Dazu kam noch eine ungenannte Zahl von Frauen und Kindern dazu.

Beide Geschichten klingen ähnlich. Aber wenn man genauer hinschaut, gibt es schon wichtige Unterschiede. So war bei der Speisung der 4000 die Hilfe wichtiger. Bei der Speisung der 5000 hätte man zur Not auch die Leute nach Hause schicken können, um sich dort zu versorgen. Aber hier in unserer Geschichte wäre das nicht möglich gewesen. Die Volksmenge war schon drei Tage bei Jesus. Aller Proviant war aufgebraucht. Und diese Menschen lebten nicht in der Nähe, sondern weiter weg. Wenn diese Leute nun nach Hause geschickt worden wären, hätte die Gefahr bestanden, dass sie unterwegs verhungerten. Also eine durchaus dramatische Situation.

Aber Jesus wirkt nicht gestresst, nicht überfordert, sondern sehr souverän. Er ist der Herr auch dieser Lage, einer verrückten, ja eigentlich aussichtslosen Lage.

Und so macht er - menschlich gesehen - auch etwas Verrücktes. Er dankt Gott, - und zwar im Voraus, noch bevor die Hilfe eingetreten ist.

"Danken im Voraus". Ich habe diese Redewendung mal gegoogelt. Ich wurde bei meiner Online-Suche darauf aufmerksam gemacht, wie es dabei mit der Groß- und Kleinschreibung bestellt ist. Gebe ich gerne weiter: "Voraus" schreibt man groß. Passt. Danken im Voraus ist ja wirklich was Großes. Und dann stieß ich auf einen Chat. Da diskutierte man darüber, ob in einer Email die Schlussformulierung "Danke im Voraus" nicht unhöflich klingt. Ja, meinten manche. Denn damit setze ich ja den Adressaten unter Druck: So in dem Sinne: "Ist doch klar, dass Du das machst, worum ich Dich bitte." Andere sagten: "Nein, wenn es zu den Aufgaben des Adressaten geht, worum er gebeten wurde."

Hm, leuchtet mir Beides ein. Aber wie ist das nun mit Gott? Wenn ich ihn um etwas bitte? Zur Beantwortung dieser Frage dürfen wir uns Jesus zum Vorbild nehmen. Er dankt im Voraus seinem Vater im Himmel für die Gewährung seiner Bitte. Nicht weil er meint, dass das zu den selbstverständlichen Pflichten Gottes gehört, seine Bitte zu erfüllen. Und natürlich auch nicht, um seinen Vater unter Druck zu setzen. Sondern weil er ihm vertraut. Er weiß: Gott lässt diese Volksmenge in ihrer Not nicht im Stich. Er will nicht, dass die verhungern, die vorher ihren geistlichen Hunger in den Worten Jesu gestillt haben. So wie Jesus dürfen wir es ja auch machen: Darauf vertrauen, dass Jesus uns das gibt, was wir brauchen. Das ist das Entscheidende: Das Vertrauen auf einen himmlischen Vater, der nach seinen Kindern schaut. In diesem Vertrauen dürfen wir schon vor der Gewährung einer Bitte danken. Viele von uns kennen sicher diesen Satz einer tiefgläubigen Frau: "Ein Dank ist eine erhörliche Bitte."

Mit diesem Grundvertrauen möchte ich auch leben. Unsere Situation ist zwar eine andere als damals, als die 4000 bei Jesus waren. Keiner unter uns muss befürchten, dass er verhungert. Wir leben immer noch in einem unermesslichen Wohlstand, von dem unsere Vorfahren nicht einmal zu träumen wagten. Die Lebenserwartung war noch nie so hoch wie zu unserer Zeit. Das wertvolle Geschenk des äußeren Friedens in unserem Land ist uns nun schon seit 80 Jahren erhalten geblieben. Das sollen und wollen wir nicht vergessen. Gerade am heutigen Erntedankfest haben wir allen Grund zum Danken.

Auch wenn es uns in vielerlei Hinsicht äußerlich gut geht, wie kaum einer anderen Generation: Diese Geschichte geht uns in unserem Wohlstandsdeutschland trotzdem etwas an. In unserem Land macht sich eine große Unzufriedenheit und Sorge breit. Die Wirtschaft kommt nun schon seit einigen Jahren nicht in die Gänge. Viele Betriebe, zum Beispiel in der Automobilzulieferung, wie hier in Oberfranken, aber nicht nur hier, kämpfen mit Auftragsrückgängen. Arbeitnehmer machen sich Sorgen um ihre Arbeitsplätze, und schon junge Leute um ihre Rente. Ach ja, und dann gibt es auch noch die Klimakrise und die Kriege in der Ukraine und Nahost. Und, und, und . Irgendwie haben wir das Gefühl: Wir gehen verrückten Zeiten entgegen, deren Anfänge wir jetzt schon sehen.

Und dann hat natürlich jeder noch seine persönlichen Nöte. Bei den 4000 in unserer Geschichte war kein Essen mehr da. Die Vorräte waren aufgebraucht. So eine Situation haben wir wohl noch nie erlebt. Aber das werden doch so manche unter uns, vielleicht Viele, kennen: Die seelischen Reserven sind aufgebraucht. Es fehlt die Kraft: Die Kraft, um den Alltag bewältigen zu können. Die Kraft, um einem schwierigen Mitmenschen freundlich begegnen zu können. Die Kraft, um in einer Prüfung mit der nötigen Gelassenheit hineingehen zu können.

Das Tröstliche ist nun: Jesus sieht das alles auch. So wie er damals vor 2000 Jahren den Hunger der 4000 sah, die seit Tagen nichts zu essen hatten. "Mich jammert das Volk" sagt er hier in unserer Geschichte zu den Jüngern. Anders ausgedrückt: Er empfand tiefes Mitleid.

Jesus kennt unsere Not. Er kennt auch deine Not. Und noch mehr: Er hat einen Plan, um helfen zu können, er hat die Möglichkeiten dazu und den Willen. Wo wir nur Sackgassen sehen, sieht er einen Ausweg.

Das sollte unser Vertrauen auf Jesus wecken, uns ruhig machen - und dankbar.

Das Wunder geschieht. Die 4000 werden mit dem Wenigen, was da ist, satt. Das waren sieben Gerstenbrote, das Brot armer Leute. - Es war in Scheiben von etwa 30 Zentimeter Durchmesser gebacken. - Und noch ein paar eingemachte Fische. Lächerlich gering für so viele Menschen. "Wie sollen so viele Menschen von so Wenigem, das vorhanden ist, satt werden?", überlegen die Jünger laut. Was tun?

Ja, was tun, wenn man in einer Sackgasse angelangt ist? Zweifeln an Gottes Güte hilft nicht weiter. Erst recht nicht verzweifeln und verzweifelt handeln. Sondern nur eines: Vertrauen. Denn Jesus hilft. Er greift ein.

So auch in unserer Geschichte. Sein Handeln beginnt mit einem Befehl, der sinnlos erscheint. Die Jünger sollen den Menschen sagen, dass sie sich auf das weiche Gras niedersetzen sollen. Das heißt, Jesus bittet zu Tisch. Nur, es fehlt die Mahlzeit! Doch das Wenige reichte Jesus aus, um 4000 Männer plus Frauen und Kinder - satt zu machen. Denn was aus den Händen Jesu kommt, ist nie zu wenig. Es reicht immer.

Gerade in Hungerszeiten wie nach dem letzten Krieg machten viele Gläubige die Erfahrung: Es war zwar wenig zu essen, aber merkwürdigerweise immer genug, dass man satt wurde.

Im Advent 1945 hatte ein Ehepaar aus Dresden Zucker und Mehl bekommen. Die Hausfrau buk daraus einen herrlichen Kuchen, eine Kostbarkeit in dieser Hungerszeit. Die Beiden wollte den Kuchen gerade essen, als ein Ehepaar zu Besuch kommt. Sie waren zwar gläubige Christen: Aber der Hunger siegt. Schnell wird der Kuchen versteckt. Doch der Hund der Gäste, ein weißer Spitz, entdeckt das Gebäck. So wird der Kuchen doch noch geteilt. Die Kinder der Gäste werden noch geholt. Und das Wunder geschieht: Alle wurden satt. Keiner musste hungrig aufstehen. Sogar der Spitz bekam sein Teil. Abends kamen noch Nachbarn und brachten ganz unerwartet einen Laib Brot, ein Stück Speck und ein Glas Sirup. Das wurde ein Festmahl!

Das Ehepaar machte eine wertvolle Erfahrung: Teilen macht nicht unbedingt ärmer. Es kann auch reicher machen. Wer das Wenige, das er hat, weggibt, kann staunend erfahren: Gott füllt mir meine leeren Hände, oft auf wunderbare Weise.

Das Geheimnis des Brotwunders, wie kann man es erklären? Es ist keine fromme Legende. Es geht auch nicht darum, dass alle es fertiggebracht haben, ihre Vorräte auszupacken und miteinander zu teilen. Jesus zauberte auch nicht Nahrung aus dem Nichts. Es war nicht so, dass auf einmal 4000 Lunchpakete dalagen. Nein, es waren die paar Brote und Fische, mit denen Jesus die vielen Menschen satt machte. Er nahm das Wenige, das man ihm gab und dankte Gott dafür. In diesem schlichten Dankgebet ist das Geheimnis des Brotwunders begründet. Jesus dankte, das heißt, er rechnete damit, dass das, was an Nahrungsmitteln da war, schon reichen würde. Und so geschah es auch. Es reichte, auf wunderbare Art und Weise. Wie dies Wunder geschah, wird nicht erzählt. Das ist auch nicht das Entscheidende an dieser Geschichte.

Ist das, was Jesus tat, nicht auch ein Hinweis für uns, wenn uns etwas fehlt? Machen wir es doch wie er! Seien wir dankbar für das Wenige, das wir haben: für die paar Minuten Freizeit, die uns nach einem stressigen Tag noch geblieben sind, die paar Euro, die wir noch an Erspartem haben, unsere geringen Kräfte für eine große Aufgabe, die uns bevorsteht, die wenigen Aufgaben, die wir haben, wenn wir arbeitslos sind, für jedes bisschen Gesundheit, das uns im Alter noch geblieben ist, für jedes Lächeln und jeden freundlichen Händedruck, wenn wir einsam und allein sind. Sei für das Wenige von Herzen dankbar! Und du wirst erfahren: Es reicht, dieses Wenige. Die Zeit ist nicht zu knapp, um das zu tun, was deine Aufgabe ist, - es bleibt sogar noch Zeit übrig! -, die Freizeit reicht, um uns zu erholen, die Kräfte reichen für das, was wir zu tun haben, das Geld ist nicht zu wenig und wir sind doch nicht so einsam und verlassen, wie wir gedacht haben. Es reicht!

Gott gibt uns das, was wir brauchen und oft sogar noch darüber hinaus. In unserer Geschichte sieht das so aus, dass sieben Körbe mit Brocken übrigblieben. Nichts soll umkommen. Nichts soll in den Müll wandern. Ein Hinweis für unsere Überflussgesellschaft, doch ja nicht achtlos mit unserer Nahrung umzugehen! Und ein Zeichen dafür, wie großzügig Jesus mit seinen Gaben ist. Er ist kein Knauserer, der uns so viel gibt, dass wir gerade so über die Runden kommen. Nein, er hat seine Freude daran, uns mit seinen Gaben überreich zu beschenken. Er will uns so viel geben, dass wir selber genug haben, und es auch noch für andere reicht. Deshalb brauchen wir nicht ängstlich nur darauf schauen, dass wir zu unserem Recht kommen, sondern auch getrost von dem, was wir haben, abgeben, im Vertrauen darauf, dass wir nicht zu kurz kommen.

Mach es doch auch einmal so: Danke für die Hilfe, auch wenn deine Not noch da ist. Das heißt: Rechne im kindlichen Vertrauen damit, dass Gott eingreift.

Das heißt nicht, dass das Danken im Voraus so eine Art Zauberformel wäre, die wir nur sprechen müssen, und dann bekommen wir alles, was wir wollen. Gott kann auch anders eingreifen, als wir es uns wünschen. Aber er greift ein, ganz sicher. Und wenn nicht geschieht, was wir wollen, dann geschieht Besseres. Auch wenn wir es zunächst nicht sehen und erkennen. Auch wenn wir warten müssen und Gott Wünsche versagt.

Müssen wir dann auch danken? Wir müssen gar nichts. Wir müssen nicht so tun, als ob wir dankbar sind, und sind es gar nicht. Es gibt auch Zeiten, in denen wir Gott unser Herz ausschütten dürfen, in denen wir klagen dürfen. Aber nicht ins Leere hinein. Sondern wir dürfen mit unseren Klagen zu Gott gehen. So wie Kinder weinend mit ihrem Kummer zu ihrer Mutter rennen, sich auf ihren Schoss setzen, sich drücken und trösten lassen. So dürfen wir mit unseren Verlusten zu Jesus gehen, sie im Gebet ihm klagen, aber doch im Vertrauen darauf, dass er da ist, und tröstet und zur gegebenen Zeit auch hilft.

Das Wichtigste wird er uns allerdings nie vorenthalten. Das ist er selber. Er selber ist ja, so hat er es einmal gesagt, das Brot des Lebens. Auch in der Geschichte von der Speisung der 4000 kommt dies zum Ausdruck. Sicher nicht zufällig wählt der Evangelist die Worte, die auch beim Abendmahl gesprochen werden: Jesus dankte, er brach die Brote und teilte sie aus. Ein Hinweis darauf, dass er mehr zu geben hat, als nur zu Essen und zu Trinken. Er stillt auch einen anderen Hunger und Durst, dem nach Leben, dass nur Jesus geben kann, nach Sündenvergebung, Trost, Orientierungshilfe in schwierigen Entscheidungen, Geborgenheit in Ängsten und vor allem, dass doch nicht alles so schnell wieder vergeht, nach der begründeten Hoffnung auf ein ewiges Leben.

Wir brauchen natürlich, um ein lebenswertes Leben führen zu können, unser tägliches Brot, von dem Jesus im Vaterunser spricht. Wir brauchen Essen und Trinken, aber auch, so wie es Luther in seiner Auslegung zum Vaterunser formuliert, Geld, fromme Eheleute, fromme Kinder, eine gute Regierung, gutes Wetter, Frieden, Gesundheit und gute Freunde.

Aber täglich neu brauchen wir noch ein anderes Brot. Das verschimmelt nicht, das wird nicht hart wie Stein. Sondern es schmeckt täglich frisch und köstlich. Es ist Jesus selber.

Ich muss nicht erst bis zum nächsten Abendmahl warten, bis ich es zu mir nehmen darf. In jedem Gottesdienst kann ich Gottes Wort hören. Jeden Tag kann ich in der Bibel lesen und dort auch Jesus begegnen. Wir dürfen ihn in uns aufnehmen, indem wir seine Worte aufnehmen. Seine Worte sind Worte des ewigen Lebens. Wir dürfen seine Versprechungen in Anspruch nehmen und mit ihnen leben, wie zum Beispiel seine Zusage: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!" Oder: "Alle Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch." Oder: "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." Diese Worte wollen bildlich gesprochen gegessen werden. Wir dürfen sie in uns aufnehmen und uns immer wieder an sie erinnern. Diese Worte gelten unser Leben lang. Sie haben kein Verfallsdatum. Was Jesus uns einmal versprochen hat, das gilt auch in anderen Situationen.

Zum Schluss sei noch gesagt: Diese Versprechungen Gottes treffen garantiert ein. Darauf dürfen wir uns verlassen, uns freuen - und schon im Voraus dafür danken.

Amen